Leitung Konzernbereich Qualität und Leitung Konzernbereich Patientensicherheit
Asklepios Kliniken GmbH & Co. KGaA | RHÖN-KLINIKUM AG
Abt. Organisationsentwicklung, Qualitätsmanagement und Interne Revision
MediClin GmbH & Co. KG
Wer schon einmal operiert wurde, kennt die Situation: Im Aufklärungsgespräch erklärt der Arzt oder die Ärztin, was gemacht werden soll und welche Risiken bestehen. Doch häufig bleibt offen, ob die vorgeschlagene Operation wirklich zu den persönlichen Wünschen und zur aktuellen Lebenssituation passt. Genau hier setzt das Konzept der gemeinsamen Entscheidungsfindung – Shared Decision Making – an.
Dieses Konzept gewinnt im Gesundheitswesen zunehmend an Bedeutung, sei es bei der Wahl von Behandlungen, Medikamenten oder Rehabilitationsmaßnahmen. Besonders in der Reha ist entscheidend, dass Therapieziele und persönliche Lebensumstände zusammenpassen.
Lesen Sie hier, was Shared Decision Making bedeutet, warum es in der Reha so wichtig ist und wie Sie aktiv an Entscheidungen teilnehmen können.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer wichtigen gesundheitlichen Entscheidung: Soll eine Operation durchgeführt werden – ja oder nein? Welches Operationsverfahren ist ggf. das richtige für mich? Gibt es eine wirksame Alternative zu einem Medikament? Welche Reha-Maßnahme passt am besten zu mir? In solchen Situationen reicht es oft nicht aus, wenn medizinische Fachkräfte einfach empfehlen und Patient:innen nur folgen. Es geht um Entscheidungen, die das Leben, die Gesundheit und den Alltag betreffen – und die deshalb gemeinsam getroffen werden sollten.
Shared Decision Making (SDM) – auf Deutsch: gemeinsame Entscheidungsfindung – bedeutet genau das: Patient:innen und Ärzt:innen treffen medizinische Entscheidungen partnerschaftlich. Beide Seiten bringen ihre Perspektiven und ihr (Fach)wissen ein:
Das Ziel: eine Entscheidung, die sowohl medizinisch sinnvoll als auch persönlich stimmig ist.
Shared Decision Making spielt eine Rolle in der gesamten Gesundheitsversorgung. Bei Operationen, Medikamenten oder Therapiewegen, aber eben auch bei der Frage: Welche Reha ist für mich richtig?
In der Reha geht es selten um eine einzige, klar definierte Maßnahme. Stattdessen stehen meist mehrere Wege offen:
Diese Entscheidungen wirken sich nicht nur auf den Gesundheitsverlauf aus, sondern auch auf den Alltag, das Umfeld und die Motivation der Patient:innen.
Rehabilitation funktioniert dann besonders gut, wenn sowohl Patient:innen als auch das therapeutische Team das gleiche Ziel vor Augen haben, dieses verstehen, mitbestimmen und mittragen. Shared Decision Making sorgt dafür, dass Reha-Maßnahmen nicht „übergestülpt“ werden, sondern im Dialog entstehen. Dabei geht es nicht nur um das ob, sondern auch um das wie:
In vielen Kliniken beginnt dieser Dialog schon vor der Aufnahme. Andere integrieren ihn bewusst in Aufnahmegespräche oder Zwischenvisiten. Patient:innen, die sich informiert und gehört fühlen, sind oft motivierter – und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Therapieziele auch im Alltag Bestand haben.
Studien zeigen: Patient:innen, die besser informiert und einbezogen werden, entwickeln mehr Gesundheitskompetenz. Das senkt nachweislich Komplikationen – und kann sogar Notfalleinweisungen vermeiden. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb Shared Decision Making als Maßnahme zur Erhöhung der Patientensicherheit.
In der medizinischen Rehabilitation werden zu Beginn des Aufenthalts sogenannte Reha-Ziele vereinbart. Diese Ziele geben der Behandlung eine Richtung – und sollen sowohl medizinisch sinnvoll als auch für den Alltag der Patient:innen bedeutsam sein. Reha-Ziele können zum Beispiel lauten: „Wieder Treppen steigen können“, „Zurück in den Beruf finden“ oder „Besser mit Stress umgehen lernen“.
Wichtig: Die Ziele werden gemeinsam mit dem Reha-Team festgelegt. So entsteht ein Plan, der realistisch ist und zur persönlichen Lebenssituation passt – ein idealer Anwendungsfall für Shared Decision Making.
In der Rehabilitation gibt es etwas, das in anderen Bereichen des Gesundheitssystems oft fehlt: Patient:innen müssen nicht nur informiert werden, sondern sie bestimmen aktiv mit. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Sie gemeinsam mit dem Reha-Team persönliche Ziele für die Behandlung festlegen. Diese Zielvereinbarung ist fester Bestandteil der Reha – sie gehört zu den Vorgaben der Deutschen Rentenversicherung und wird in vielen Einrichtungen auch von Krankenkassen unterstützt.
Nach einer geplanten OP oder einer Notfallversorgung ist die Situation oft neu und belastend. Gleichzeitig verwenden Fachleute viele Begriffe, die schwer verständlich sein können. Wie können Sie sich unter diesen Umständen aktiv in die Planung einbringen?
Sprechen Sie eventuelle Verständnisprobleme aktiv an, lassen Sie sich Fachbegriffe in einfachen Worten erklären und scheuen Sie sich nicht, eine Begleitperson mitzubringen – gerade dann, wenn Deutsch nicht Ihre Muttersprache ist .
Gemeinsame Entscheidungen setzen voraus, dass Patient:innen gut informiert sind und gehört werden. Damit Shared Decision Making funktioniert, braucht es Zeit, eine klare Sprache – und manchmal auch Mut, Fragen zu stellen.
Ein Arztgespräch ist nicht immer einfach. Fachbegriffe, Zeitdruck und Unsicherheit können es erschweren, eigene Vorstellungen einzubringen. Deshalb ist es hilfreich, sich vorab Gedanken zu machen:
Auch die Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Kliniken, die Shared Decision Making ernst nehmen, schaffen gezielt Raum für solche Gespräche: durch strukturierte Aufnahmegespräche, Entscheidungshilfen, ausreichend Bedenkzeit oder die Einbindung von Angehörigen. Manche bieten auch Unterstützungsangebote wie Sozialberatung, Patientenlotsen oder Schulungen an. Auch Pflegekräfte können eine wichtige Rolle spielen: Sie erleben Patient:innen oft über längere Zeit hinweg und bemerken, wenn Gesprächsbedarf besteht. Manche ermutigen dazu, Unklares nochmals anzusprechen. Andere geben Hinweise ans Ärzteteam weiter, wenn Unsicherheit besteht. Shared Decision Making ist Teamarbeit.
Immer mehr Menschen wollen heute mitentscheiden, weil sie gut informiert sind, ihre Gesundheit aktiv mitgestalten möchten oder sich als gleichwertige Partner im System einbringen wollen. Doch Mitentscheidung ist kein Muss. Shared Decision Making bedeutet auch, dass Ihre Wahlfreiheit respektiert wird und Sie sich selbstverständlich auch auf die Vorschläge Ihres Arztes, Ihrer Ärztin oder des therapeutischen Teams verlassen können.
Es ist Ihr gutes Recht, Fragen zu stellen und mitzuentscheiden. Shared Decision Making ist nicht nur ein freiwilliges Angebot – es entspricht auch dem Patientenrechtegesetz von 2013. Dieses schreibt vor, dass jede medizinische Maßnahme die informierte Zustimmung der Patientin oder des Patienten voraussetzt. Das bedeutet: Sie müssen wissen, welche Möglichkeiten und Alternativen es gibt, welche Folgen sie haben können – und wie sie sich auf Ihr Leben auswirken können. Nur dann kann eine Entscheidung wirklich gemeinsam getroffen werden.
Shared Decision Making ist kein einzelnes Gespräch, sondern ein Prozess. Es beginnt damit, dass überhaupt deutlich gemacht wird: Hier steht eine Entscheidung an und Sie als Patient:in sind beteiligt. Im Kern lässt sich der Ablauf in drei Schritte gliedern:
Ärzt:innen oder Therapeut:innen erklären, welche Möglichkeiten es gibt. Sie benennen die Vor- und Nachteile, beschreiben mögliche Risiken und erläutern den aktuellen Wissensstand. Auch schriftliche Materialien oder Entscheidungshilfen können hier unterstützen.
Im nächsten Schritt geht es um den Austausch: Welche Vorstellungen, Sorgen oder Wünsche haben Sie? Welche Option passt am besten zu Ihrer Lebenssituation? Dies ist der Moment, in dem medizinisches Wissen und persönliche Werte zusammengebracht werden.
Am Ende steht eine Entscheidung, die von beiden Seiten getragen wird und im besten Fall nachvollziehbar, realistisch und motivierend ist.
Dieser Ablauf ist kein starres Schema. Je nach Thema, Komplexität und persönlicher Situation kann er sich über mehrere Gespräche erstrecken oder in einem gut vorbereiteten Termin erfolgen. Entscheidend ist: Es geht nicht darum, Entscheidungen zu delegieren, sondern darum, sie zu teilen.
Gute Entscheidungen brauchen gute Informationen. Entscheidungshilfen sind Materialien wie Broschüren oder Online-Angebote, die verschiedene Behandlungsoptionen neutral erklären. Sie zeigen Vor- und Nachteile auf, benennen Risiken und helfen dabei, die eigenen Werte in die Entscheidung einfließen zu lassen. Einige Rehakliniken und Fachgesellschaften bieten solche Hilfen speziell für bestimmte Erkrankungen oder Reha-Fragen an. Manche Kliniken setzen auch digitale Entscheidungshilfen mit anschaulichen Videos ein – etwa zur Wahl zwischen verschiedenen Operationsverfahren. Das erleichtert Patient:innen die Vorbereitung auf Gespräche und erhöht die Verständlichkeit.
Shared Decision Making gilt als optimale Form der Entscheidungsfindung und wird oft als „Goldstandard“ bezeichnet. Im Alltag erleben viele Patient:innen jedoch etwas anderes: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt oft eine Lücke.
Manche Patient:innen zögern, Fragen zu stellen. Sie befürchten, der Arzt oder die Ärztin könnte dies als Kritik werten oder sie für „unwissend“ halten. Tritt medizinisches Personal dominant oder ungeduldig auf, ziehen sich viele innerlich zurück, statt sich aktiv einzubringen. Auch Sprachbarrieren, Unsicherheiten oder fehlendes Vertrauen können die gemeinsame Entscheidungsfindung erschweren.
Auf Seiten des Fachpersonals sind es häufig strukturelle oder kulturelle Hindernisse: knappe Zeitfenster, wenig Flexibilität im klinischen Alltag oder die strikte Orientierung an Leitlinien können flexible Entscheidungen im Gespräch behindern. Studien zeigen zudem, dass die Frage nach den Wünschen und Wertvorstellungen der Patient:innen oft gar nicht gestellt wird.
Auch Ärzt:innen empfinden den Prozess oft als schwierig, vor allem wenn sie in der Ausbildung wenig über Kommunikation gelernt haben. Treffen sie Entscheidungen unter Zeitdruck und ohne klare Gesprächsstruktur, kann das für beide Seiten frustrierend sein.
Trotzdem lohnt es sich, Shared Decision Making weiter zu fördern. Denn dort, wo echte Beteiligung gelingt, profitieren alle Seiten. Höhere Zufriedenheit, bessere Behandlungsergebnisse und ein Gesundheitssystem, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sind das Ergebnis.
Shared Decision Making bedeutet nicht, dass Sie alles wissen müssen. Aber es bedeutet, dass Ihre Fragen und Wünsche zählen. Daher sollten Sie sich - egal ob im Krankenhaus oder in der Reha - vor jedem Gespräch zwei grundlegende Fragen stellen:
Ein Beispiel: Steht eine Knieprothese an, können Ihre Prioritäten sehr unterschiedlich sein. Möchten Sie danach wieder sportlich aktiv sein oder ist es Ihnen wichtiger, einfach schmerzfrei zu sein? Ist für Sie akzeptabel, dass eventuell in einigen Jahren eine weitere Operation nötig wird? Oder wünschen Sie eine Prothese, die möglichst lange hält? Waren Sie vor der OP komplett selbstständig und wollen danach wieder Treppen bis in den vierten Stock steigen können? Oder leben Sie bereits in einer barrierefreien Wohnung und erhalten Unterstützung im Alltag?
Bringen Sie diese Punkte früh im Gespräch zur Sprache. So kann die Ärztin oder der Arzt direkt einschätzen, ob Ihr Ziel realistisch ist und mit der Behandlung erreicht werden kann.
Die Abkürzung VORNE kann Ihnen helfen, Ihre Gedanken zu ordnen und die richtigen Fragen zu stellen:
Vorteile | Welche Vorteile hat die geplante Behandlung? Kann mein Ziel damit erreicht werden? |
Optionen | Welche Alternativen gibt es? Verschiedene OP-Verfahren oder medikamentöse Optionen? |
Risiken | Welche Risiken oder Nebenwirkungen sind mit den Optionen verbunden? |
Nichts tun | Was passiert, wenn ich noch warte oder mich derzeit nicht behandeln lasse? Kann die Erkrankung sich verschlimmern? |
Entlassung | Was muss ich nach der Entlassung beachten? Gibt es Einschränkungen oder Medikamente, die ich einnehmen muss? |
Fragen entlang des VORNE-Schemas sind besonders relevant, wenn es um akute Diagnosen, Eingriffe oder schnelle medizinische Entscheidungen geht, etwa im Krankenhaus. In der Rehabilitation sieht die Situation meist anders aus. Hier stehen langfristige Ziele, funktionelle Verbesserungen und der Weg zurück in den Alltag im Mittelpunkt.
Dementsprechend können folgende gezielte Fragen dazu beitragen, Ihre Behandlung besser zu verstehen und aktiv mitzuwirken:
Und ganz praktisch:
Tipp: Notieren Sie sich vor dem Arzt- oder Aufnahmegespräch, was Ihnen wichtig ist. Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schritt in Richtung einer guten und tragfähigen Entscheidung.
Shared Decision Making ist mehr als ein medizinisches Konzept, es ist ein Ausdruck von Respekt, Augenhöhe und Zusammenarbeit zwischen Patient:innen und medizinischem Team. Wer mitentscheidet, fühlt sich ernst genommen und gut begleitet. Das gilt bei schweren Diagnosen ebenso wie in der Reha.
Gerade in der Rehabilitation, wo es um individuelle Ziele, den Weg zurück in den Alltag und langfristige Lebensqualität geht, ist Ihre Perspektive entscheidend. Sie kennen Ihr Leben – das Reha-Team kennt die medizinischen Möglichkeiten. Gemeinsam entsteht daraus ein Plan, der wirklich zu Ihnen passt.
Nutzen Sie diese Chance. Stellen Sie Fragen. Bringen Sie sich ein. Denn Ihre Stimme zählt – und sie macht einen Unterschied.
Shared Decision Making (SDM) bedeutet, dass Ärzt:innen und Patient:innen wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen. Die Fachleute erklären die Behandlungsoptionen, die Patient:innen sagen, was ihnen wichtig ist. So entsteht eine Entscheidung, die medizinisch sinnvoll ist und zur persönlichen Lebenssituation passt.
Die endgültige Entscheidung, ob eine Behandlung durchgeführt wird, liegt immer bei Ihnen, denn Sie müssen zustimmen. Wie intensiv Sie sich vorher mit den verschiedenen Möglichkeiten und Risiken beschäftigen möchten, können Sie selbst wählen.
Manche Menschen wünschen sich klare Empfehlungen und wollen einfach wissen, was am meisten Sinn ergibt. Andere möchten die Optionen vergleichen und aktiv mitentscheiden. Shared Decision Making bedeutet: Sie können mitreden, wenn Sie möchten - aber Sie müssen nicht.
Bereiten Sie sich auf ein Entscheidungsgespräch vor, indem Sie Fragen notieren wie:
Auch ein Gespräch mit Angehörigen kann helfen. Trauen Sie sich, Ihre Notizen mitzubringen und bei Unklarheiten nachzufragen. Wer gut vorbereitet ist, kann beim Shared Decision Making besser mitentscheiden.
Ja. Gemeinsame Entscheidungsfindung beginnt bereits mit der Wahl der Reha-Klinik . Denn welche Einrichtung Sie wählen, kann Einfluss auf Ihre Behandlung, den Schwerpunkt der Therapien und die Erreichung Ihrer persönlichen Ziele haben.
Shared Decision Making bedeutet auch, dass Sie in bei der Wahl von Therapien, dem Setzen von Reha-Zielen oder der Planung des Tagesablaufs beteiligt sind.