Verständlichere Behandlungspläne, ein Meldesystem für Erfahrungen von Patient:innen und ein individuelles Versorgungskonzept für Kinder mit ausgeprägter Spritzenangst: Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) hat drei Projekte mit dem Deutschen Preis für Patientensicherheit 2026 ausgezeichnet.
Die Preisverleihung fand am 17. September 2026 im Rahmen der APS-Veranstaltung zum Welttag der Patientensicherheit in Berlin statt. Prämiert wurden Projekte, die Risiken im Versorgungsalltag aufgreifen und konkrete Lösungen für mehr Sicherheit entwickeln.
Der Welttag der Patientensicherheit 2026 stand unter dem Motto „Sichere Versorgung chronisch erkrankter Menschen – für ein gutes Leben!“. Im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung standen unter anderem Prävention, Arzneimitteltherapiesicherheit, die Erwartungen von Patient:innen und die Koordination über verschiedene Versorgungsbereiche hinweg.
Die ausgezeichneten Projekte greifen unterschiedliche Aspekte dieser Themen auf. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Patientensicherheit nicht allein als medizinische Aufgabe verstehen. Auch verständliche Informationen, Beteiligungsmöglichkeiten und eine Versorgung, die individuelle Voraussetzungen berücksichtigt, tragen dazu bei, vermeidbare Risiken zu verringern.
Der erste Preis ging an Dr. Helena Jambor von der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden. Ihr Projekt untersucht, wie visuelle Hilfen das Verständnis, das Sicherheitsempfinden und die Beteiligung von Patient in der onkologischen Versorgung verbessern können.
Zum Einsatz kommen bildgestützte Behandlungspläne, die komplexe Therapieabläufe übersichtlich darstellen. Gerade bei einer Krebsbehandlung müssen Patient häufig zahlreiche Behandlungsschritte, Untersuchungen und zeitliche Abläufe nachvollziehen. Visuelle Darstellungen können dabei helfen, die einzelnen Schritte besser einzuordnen und Fragen gezielter zu stellen.
Nach Angaben des APS stieg das erfasste Sicherheitsempfinden durch den Einsatz der visuellen Hilfen von 55 auf 93 Prozent. Das Projekt macht damit deutlich, welchen Beitrag verständlich aufbereitete Gesundheitsinformationen zur Patientensicherheit leisten können.
Mit dem zweiten Preis wurden Dr. Marcus Rall, Dr. Clara Monaca und Dr. Saskia Huckels-Baumgart für das Projekt „Mehr Patientensicherheit“ – kurz MePa – ausgezeichnet. Hinter dem Angebot stehen der Verband der Ersatzkassen, die Ersatzkassen und die Deutsche Gesellschaft für Patientensicherheit.
MePa ist ein bundesweites und sektorenübergreifendes Berichts- und Lernsystem für Versicherte. Patient und Angehörige können dort anonym über kritische Ereignisse und Beinahe-Fehler in der gesundheitlichen Versorgung berichten. Fachleute werten die Meldungen aus und leiten daraus Empfehlungen für eine sicherere Versorgung ab.
Seit dem Start im Jahr 2024 sind nach Angaben des APS mehr als 1.800 Berichte von Patient:innen und Angehörigen eingegangen. Ihre Erfahrungen ergänzen damit die Meldesysteme für Beschäftigte im Gesundheitswesen um eine wichtige Perspektive.
Berichts- und Lernsysteme sollen keine Schuldigen suchen. Sie dienen dazu, wiederkehrende Risiken, problematische Abläufe und mögliche Sicherheitslücken frühzeitig zu erkennen. Mehr über das Angebot und die Möglichkeit, einen Vorfall zu melden, erfahren Interessierte in unserem Beitrag Mehr Patientensicherheit: Versicherte können Vorfälle anonym melden .
Der dritte Preis ging an Professor Dr. Ehrenfried Schindler vom Universitätsklinikum Bonn. Ausgezeichnet wurde das Bonner Stufenkonzept für Kinder und Jugendliche mit einer Blut-, Spritzen- oder Verletzungsphobie.
Eine stark ausgeprägte Angst vor Nadeln, Blut oder Verletzungen kann notwendige Impfungen, Blutentnahmen und diagnostische Maßnahmen erheblich erschweren oder sogar verhindern. Das Bonner Konzept bereitet die jungen Patient:innen in individuell angepassten Stufen auf die erforderlichen Eingriffe vor.
Nach Angaben des APS konnten seit 2021 bei 50 von 52 betreuten Kindern und Jugendlichen notwendige medizinische Maßnahmen ermöglicht werden. Das Projekt verbindet Patientensicherheit mit einer Versorgung, die Ängste ernst nimmt und die Behandlung an die persönlichen Voraussetzungen der Betroffenen anpasst.
So unterschiedlich die ausgezeichneten Ansätze sind, greifen sie drei grundlegende Voraussetzungen einer sicheren Versorgung auf:
Diese Grundsätze sind auch für die medizinische Rehabilitation relevant. Rehabilitationsverläufe umfassen häufig zahlreiche Untersuchungen, Therapien und Berufsgruppen. Verständliche Behandlungspläne können dabei Orientierung schaffen. Meldungen von Rehabilitand:innen und Angehörigen können helfen, Risiken an Schnittstellen aufzudecken. Individuell angepasste Abläufe wiederum erleichtern es Menschen mit besonderen Anforderungen, medizinische und therapeutische Leistungen sicher in Anspruch zu nehmen.
Die prämierten Projekte wurden nicht speziell für die Rehabilitation entwickelt. Ihre Übertragbarkeit auf Reha-Einrichtungen müsste deshalb jeweils im konkreten Versorgungskontext geprüft werden. Sie liefern jedoch praxisnahe Anregungen dafür, wie Information, Beteiligung und individuelle Unterstützung zur Patientensicherheit beitragen können. Wie aus einem kritischen Vorfall in einer Rehaklinik konkrete Verbesserungen abgeleitet werden können, erläutert unser Beitrag Patientensicherheit in der Reha: Wenn wichtige Informationen nicht ankommen.
Weitere Informationen zu den Preisträger:innen und ihren Projekten bietet das Aktionsbündnis Patientensicherheit.