Bertelsmann-Studie: Mehrheit der Bevölkerung sieht Reformbedarf im Gesundheitswesen 15.06.2026

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Annabelle Neudam (Autor:in)
M. Sc. Health Care Management

Geschäftsführerin

DAS REHAPORTAL

Zuletzt aktualisiert: 15.06.2026 | Lesedauer: ca. 4 Min.

92 Prozent halten Veränderungen für notwendig

Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland sieht Reformbedarf im Gesundheitswesen. Das zeigt eine aktuelle bevölkerungsrepräsentative Befragung von Bertelsmann Stiftung, Bosch Health Campus und BSt Gesundheit. 

Besonders deutlich wird dies im sogenannten Reformbereitschaftsindex der Studie. Dieser misst, wie offen die Bevölkerung für Veränderungen im Gesundheitswesen ist. Der Index erreicht einen hohen Wert und deutet darauf hin, dass viele Menschen grundlegende Reformen nicht nur für notwendig halten, sondern auch konkrete Veränderungen unterstützen.

Dieses Bild bestätigt sich auch in den Detailergebnissen der Befragung: 92 Prozent der Teilnehmenden halten grundlegende Veränderungen im Gesundheitssystem für notwendig. Jeder zweite Befragte bewertet Reformen sogar als „sehr notwendig“.

Grafik Reformbereitschaftsindex: Offenheit der Bevölkerung für Veränderungen im Gesundheitswesen

Erst kürzlich hatte auch der DAK-Gesundheitsmonitor 2026 eine sinkende Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem festgestellt. Viele Menschen bewerten die Entwicklung kritisch, sind aber zugleich offen für Veränderungen, wenn diese Versorgung besser erreichbar, verständlicher und verlässlicher machen.

Zentrale Ergebnisse der Befragung

  • 92 % halten grundlegende Reformen im Gesundheitssystem für notwendig.
  • 63 % erwarten eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung in den nächsten fünf Jahren.
  • 82 % würden leichte Beschwerden mit verlässlichen Informationen zunächst selbst behandeln.
  • 71 % unterstützen das Prinzip „Hausarzt vor Facharzt“.
  • 80 % befürworten mobile Versorgungsangebote.
  • 83 % akzeptieren Routineuntersuchungen durch qualifiziertes Praxispersonal.
  • 78 % unterstützen einen zentralen Gesundheitsservice, aber nur 44 % dessen verpflichtende Nutzung.

Quelle: Bertelsmann Stiftung, Bosch Health Campus und BSt Gesundheit: „Gesundheitsreform? Ja, bitte! – Bevölkerungsbefragung: Breite Zustimmung zu Reformen der ambulanten Versorgung“ (2026).

Hohe Zustimmung für konkrete Reformvorschläge

Besonders bemerkenswert ist die breite Zustimmung zu vielen Reformansätzen, die derzeit in Politik und Fachwelt diskutiert werden.

So würden 82 Prozent leichte gesundheitliche Beschwerden selbst behandeln, wenn ihnen dafür leicht zugängliche und verlässliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung stehen. 71 Prozent unterstützen das Prinzip „Hausarzt vor Facharzt“, sofern der direkte Zugang zu Augen-, Kinder- und Frauenärzt:innen erhalten bleibt.

Auch neue Versorgungsmodelle stoßen auf große Zustimmung:

  • 80 Prozent befürworten wohnortnahe mobile Versorgungsangebote.
  • 77 Prozent unterstützen Präventionsangebote beispielsweise in Schulen, Betrieben oder Apotheken.
  • 83 Prozent akzeptieren, dass Routineuntersuchungen und Verlaufskontrollen durch qualifiziertes medizinisches Praxispersonal übernommen werden.
Mehrheit unterstützt Selbstbehandlung leichter Beschwerden sowie Hausarztsteuerung.

Wahlfreiheit bleibt vielen Befragten wichtig

Die Studie zeigt jedoch auch, dass die Unterstützung für Reformen nicht grenzenlos ist und von deren konkreter Ausgestaltung abhängt. Während viele Vorschläge auf breite Zustimmung stoßen, werden andere deutlich differenzierter bewertet. Besonders zurückhaltend reagieren viele Befragte, wenn Veränderungen mit verpflichtenden Vorgaben oder Einschränkungen der eigenen Wahlmöglichkeiten verbunden sind.

So befürworten 78 Prozent grundsätzlich einen zentralen Gesundheitsservice, der bei Beschwerden berät und an die passende Versorgungsstelle vermittelt. Eine verpflichtende Nutzung eines solchen Angebots findet dagegen deutlich weniger Zustimmung.

Auch andere Reformvorschläge werden unterschiedlich bewertet. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Menschen Veränderungen grundsätzlich offen gegenüberstehen, gleichzeitig aber Wert auf Wahlmöglichkeiten und individuelle Entscheidungen legen.

Akzeptanz eines zentralen Gesundheitsservices für Terminvergabe und Dringlichkeitseinschätzung.

Studie sieht günstiges Zeitfenster für Reformen

Aus Sicht der Studienautor:innen besteht damit aktuell eine Gelegenheit, Reformen stärker an den Erwartungen der Bevölkerung auszurichten. Nach ihrer Einschätzung ist die Bevölkerung offen für neue Versorgungsformen, eine stärkere Steuerung im Gesundheitssystem, mehr Zusammenarbeit unterschiedlicher Gesundheitsberufe sowie digitale Angebote. Die Autorinnen und Autoren der Untersuchung sprechen von einem günstigen Zeitfenster für Reformen.

Die Befragung wurde im Februar und März 2026 vom Meinungsforschungsinstitut forsa durchgeführt. Insgesamt nahmen 2.301 Erwachsene aus Deutschland teil.