Fünf Fragen an Prof. Dr. Gert Krischak 10.09.2026

Portrait von Gina-Sophie Labahn
Gina-Sophie Labahn (Autor:in)
M.Sc. Public Health and Administration

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
DAS REHAPORTAL

Zuletzt aktualisiert: 15.09.2026 | Lesedauer: ca. 6 Min.
Portrait von Prof. Dr. Gert Krischak mit dem Schriftzug "Fünf Fragen an ... Prof. Dr. Gert Krischak"

Prof. Dr. med. Gert Krischak, MBA

Prof. Dr. med. Gert Krischak ist Facharzt für Chirurgie sowie Orthopädie und Unfallchirurgie mit den Zusatzqualifikationen Spezielle Unfallchirurgie, Physikalische Medizin und Sportmedizin.
Seit 2021 ist er bei der Nanz Medico-Gruppe tätig und dort Vorsitzender des Zentralen Funktionsbereichs Medizin. In dieser Funktion verantwortet er den ärztlichen Bereich der Unternehmensgruppe und begleitet die medizinische und wissenschaftliche Weiterentwicklung der ambulanten Rehabilitation. Darüber hinaus leitet er die Orthopädie am ZAR Friedrichshafen . Krischak war zehn Jahre Direktor des Instituts für Rehabilitationsmedizinische Forschung an der Universität Ulm und ist Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin (DGPRM). 
Seine wissenschaftliche Arbeit umfasst mehr als 100 nationale und internationale Publikationen, Lehrbücher sowie zahlreiche Vorträge und Kongressbeiträge. Anfang 2026 erschien im dtv Verlag sein Buch zur Arthrose, in dem aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Prävention und Behandlung der Arthrose praxisnah aufbereitet werden.

Bildet die bisherige Qualitätsmessung eine qualitativ hochwertige Rehabilitation ausreichend ab?

Prof. Dr. Gert Krischak:  Wir messen heute sehr viel, Strukturen, Prozesse, Leistungen, Zufriedenheit. Das ist alles wichtig. Aber die entscheidende Frage lautet: Geht es den Patient:innen nach der Rehabilitation tatsächlich besser? Und genau das bildet die bisherige Qualitätssicherung noch nicht ausreichend ab. Wir müssen deutlich stärker auf Ergebnisqualität schauen: Haben sich Schmerzen, Funktion, Teilhabe und berufliche Leistungsfähigkeit verbessert? Und zwar nicht nur am Ende der Rehabilitation, sondern mindestens auch Monate später und darüber hinaus. Gleichzeitig muss man fair bleiben, Einrichtungen mit komplexeren und schwerer betroffenen Patient:innen dürfen nicht automatisch schlechter bewertet werden. Deshalb braucht Ergebnisqualität immer eine vernünftige Risikoadjustierung. Für mich ist klar: Eine gute Qualitätsmessung muss Struktur, Prozess und Ergebnis zusammenführen, und erst dann entsteht ein realistisches Bild der Reha-Qualität.

Welche Fragen aus dem Versorgungsalltag der Rehabilitation werden aus Ihrer Sicht wissenschaftlich noch zu wenig untersucht?

Prof. Dr. Gert Krischak:  Mich beschäftigt vor allen anderen die Frage, was eigentlich bei wem effektiv ist und wirkt, und in welcher Dosis oder Anwendung. Rehabilitation besteht eben aus vielen Bausteinen, wie z.B. die vielen unterschiedlichen Therapien und das Training, Edukation, psychologische Unterstützung, Sozialmedizin u.v.m. Aber wir wissen noch zu wenig darüber, welcher Baustein für welche Patientengruppe besonders wichtig und evtl. sogar entscheidend ist. Auch die Frage nach der Therapiedosis ist relevant. Braucht jeder dieselbe Intensität? Relevant sind nicht die kurzfristigen Effekte, sondern diejenigen, die auch nach sechs, zwölf oder 24 Monaten tatsächlich übrig bleiben. Hier brauchen wir mehr versorgungsnahe Forschung, mit großen Patientenzahlen, Routinedaten und realen Verläufen. Idealisierten Studienbedingungen helfen hier wenig.

Was kann Ergebnisqualität, z. B. durch PROMs, aus Ihrer Sicht über die Qualität einer Rehabilitation aussagen und wo liegen die Grenzen dieser Perspektive?

Prof. Dr. Gert Krischak:  PROMs sind aus meiner Sicht enorm wichtig, weil sie eine Perspektive einbringen, die wir lange zu wenig berücksichtigt haben, nämlich wie der Patient selbst seinen Gesundheitszustand erlebt. Wenn jemand nach der Reha sagt, dass er nun deutlich weniger Schmerzen, sich besser bewegen kann und im Alltag wieder besser zurechtkommt, dann ist das ein wirklich relevantes Ergebnis. Aber PROMs sind eben nicht einfach zu messen und zu interpretieren, denn sie hängen auch von Erwartungen, Begleiterkrankungen, sozialer Situation und Ausgangsschwere ab. Deshalb kann man aus einem einzelnen Wert nicht einfach auf eine gute oder schlechte Rehabilitation schließen. Was wir brauchen sind mehr Erfahrungen mit PROMs, für Referenzwerte, Risikoadjustierung und eine Vorstellung davon, welche Veränderung klinisch wirklich relevant ist. Ich würde deshalb sagen: PROMs sind unverzichtbar und für die künftige Qualitätsmessung ebenso unverzichtbar, aber es braucht noch Arbeit und Erfahrung, um sie müssen mit funktionellen, klinischen und sozialmedizinischen Ergebnissen zusammenzubringen.

Wie viel Standardisierung braucht Rehabilitation und wie viel Individualisierung ist notwendig, um den Bedürfnissen der Patient:innen gerecht zu werden?

Prof. Dr. Gert Krischak:  Beides. Rehabilitation braucht Standards, denn sonst herrscht bei der Variabilität der Ausgestaltung und Anwendung ein buntes Durcheinander. Für bestimmte Krankheitsbilder muss es einen evidenzbasierten therapeutischen Kern geben. Auch die Patient:innen müssen sich darauf verlassen können, dass wesentliche Inhalte in guter Qualität angeboten werden. Andererseits, zwei Menschen mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche Probleme haben. Der eine möchte wieder Treppen steigen können, die andere wieder arbeiten, der Nächste seinen Alltag trotz chronischer Schmerzen bewältigen. Deshalb ist für mich der entscheidende Punkt, dass Standardisiert werden muss, um Qualität herzustellen und zu sichern, aber zusätzlich die Möglichkeit behalten zu individualisieren, was letztendlich dann auch den Behandlungserfolg bestimmt. Die Rehabilitation wird dann stark sein, wenn standardisierte Diagnostik und evidenzbasierte Behandlungspfade mit individuellen Zielen und Therapien ausgestalten werden, die zu diesem Menschen passen.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für die ambulante Rehabilitation in den kommenden Jahren?

Prof. Dr. Gert Krischak:  Ich sehe hier sehr große Chancen. Die ambulante Rehabilitation hat einen entscheidenden Vorteil: Sie findet nah am realen Leben statt. Die Patient:innen gehen nach der Therapie nach Hause und können das Erlernte direkt im Alltag oder Beruf erproben. Dieses Potenzial können wir sogar noch viel stärker nutzen, wenn wir mit digitalen und hybriden Angeboten die Rehabilitation noch besser vorbereiten, begleiten und nachsorgen können. Ein großer Vorteil ist die Verzahnung und die engen Kontakte des Netzwerks der ambulanten Rehabilitation mit ihren Partnerkliniken, niedergelassenen Ärzt:innen, Betrieben und den regionalen Versorgungsstrukturen. Zusammen mit der o.a. Thematik der Forschung gilt hier ein wichtiger Punkt: Wir müssen erfahren, wer von welchem System – ambulant oder stationär – profitiert und diese Erkenntnisse konsequent umsetzen, um künftig effizient und kostensparend Rehabilitation anzubieten. Denn die ambulante Rehabilitation ist die deutlich kostengünstigere Variante.
Entscheidend ist zudem, Qualität nicht ausschließlich mit Sanktionen oder finanziellen Anreizen zu verknüpfen. Einseitige Steuerungsmechanismen können Fehlanreize erzeugen, etwa Risikoselektion oder eine Konzentration auf leicht messbare Aspekte der Versorgung. Erfolgreicher sind Modelle, die Transparenz, Feedback und gemeinsames Lernen fördern.
Patientenrelevante Outcomes und PROMs bieten hierfür eine wichtige Grundlage, weil sie den tatsächlichen Nutzen der Versorgung sichtbar machen.