Fünf Fragen an Marion Grote Westrick 22.06.2026

Portrait von Gina-Sophie Labahn
Gina-Sophie Labahn (Autor:in)
M.Sc. Public Health and Administration

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
DAS REHAPORTAL

Zuletzt aktualisiert: 22.06.2026 | Lesedauer: ca. 6 Min.
Portrait von Marion Grote Westrick mit dem Schriftzug "Fünf Fragen an ... Marion Grote Westrick"

Marion Grote Westrick (Dipl. Volkswirtin), Senior Project Manager

Marion Grote Westrick leitet als Senior Project Manager in der Bertelsmann Stiftung das Projekt „Gesundheitssystem neu ordnen“, in dem es um die ordnungspolitische Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems geht, auch im Hinblick auf mehr Patienten- und Outcome-Orientierung. Davor leitete sie Projekte rund um die Themen Systemsteuerung, Qualitätsverbesserung und Patientenorientierung. Sie hat mehrere Studien der Bertelsmann Stiftung zu Patient-Report Outcomes, Shared Decision Making, Überversorgung und regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung verantwortet und veröffentlicht. Die Volkswirtin arbeitete vor ihrer Stiftungstätigkeit an der Universität Duisburg-Essen sowie bei der Unternehmensberatung McKinsey & Co.

Wie verändert sich der Blick auf Qualität, wenn die Perspektive von Patient:innen konsequent einbezogen wird?

Marion Grote Westrick:  Der Blick wird vollständig: Nur unter Hinzunahme der Perspektive von Patientinnen und Patienten erhält man einen umfassenden Blick auf die Qualität. Ohne Patientenperspektive bleibt ein blinder Fleck. Sowohl patientenberichtete Gesundheitsmerkmale (patient-reported outcomes, PROs) als auch patientenberichtete Erfahrungen (patient-reported experiences, PREs) tragen dazu bei oder ermöglichen es, Qualitätsdimensionen wie die Wirksamkeit von Therapien, die Sicherheit, die Zugänglichkeit, die Koordination oder Responsivität der Gesundheitsversorgung umfassend abzubilden. 
Für Patient:innen steht die Frage im Mittelpunkt, ob eine Behandlung zu einer spürbaren Verbesserung ihres Gesundheitszustands, ihrer Lebensqualität und Alltagsfähigkeit führt. Zugleich ist es ihnen wichtig, dass sie diskriminierungsfrei, rechtzeitig und respektvoll versorgt werden. Die systematische Einbeziehung ihrer Selbsteinschätzung und ihrer Erfahrungen führt zu einer Versorgung, die sich stärker an den tatsächlichen, erlebbaren Ergebnissen und an den individuellen Bedürfnissen und Präferenzen orientiert. 

Welche Fragen stellt High-Value Care an die Art und Weise, wie wir im deutschen Gesundheitswesen über Qualität sprechen?

Marion Grote Westrick:  Menschen erwarten High-Value Care, wenn sie das Gesundheitssystem aufsuchen. Sie gehen davon aus, dass die Leistungen, die ihnen empfohlen werden und die sie in Anspruch nehmen sollen, ihnen mehr nützen als schaden. Darauf sollten sie vertrauen dürfen. Doch viele Patient:innen erleben in den Prozessen und Ergebnissen keine hochwertige Versorgung: Ihnen wird nicht aufmerksam zugehört, es werden unrealistische Ziele in Aussicht gestellt und Leistungen angeboten, für die sie sich nicht entschieden hätten, wären sie umfänglich aufgeklärt worden. Auf der individuellen Ebene bedeutet High-Value Care also, dass Versorgung der einzelnen Person mehr nützt als schadet.  Auf der gesellschaftlichen Ebene lenkt High-Value Care den Blick auf das Verhältnis von erzielten Ergebnissen im Gesundheitssystem zu den eingesetzten Ressourcen. Dabei geht es darum, dass die Versorgung zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen, höherer Lebenserwartung und Lebensqualität und einer effizienten Nutzung von Ressourcen führt. 

Für das deutsche Gesundheitswesen bedeutet dies, Qualität stärker anhand patientenrelevanter Outcomes zu bewerten, und dazu zählen eben auch patientenberichtete Outcomes. Gleichzeitig müssen Versorgungspfade sektorenübergreifend betrachtet werden. Ziel ist eine Versorgung, die für Patient:innen den größtmöglichen Nutzen schafft und gleichzeitig Ressourcen dort einsetzt, wo sie einen Unterschied machen.

Welche internationalen Ansätze zeigen aus Ihrer Sicht besonders gut, wie patientenrelevante Ergebnisqualität in Versorgung und Steuerung integriert werden kann?

Marion Grote Westrick:  Alle internationalen Ansätze, die Qualitätsdaten – und damit auch patientenberichtete Daten – in der Routineversorgung nutzen, um zu lernen und Versorgungsprozesse zu verbessern, sind Vorbilder. Es geht darum, dass Qualitätsdaten auch wirklich für das Qualitätsmanagement genutzt werden. Das geschieht in den skandinavischen Ländern und den Niederlanden – und natürlich auch beim Rehaportal. Der Begriff Ergebnisqualität ist in diesem Zusammenhang jedoch sehr eng. Er passt hervorragend bei zeitlich oder medizinisch abgrenzbaren Indikationen und Interventionen. Bei chronischen Erkrankungen ist ein Vorher-Nachher-Vergleich oft nur schwer oder gar nicht möglich, weil es nicht das eine konkrete Ergebnis gibt – hier geht es vielmehr um ein regelmäßiges Messen von Outcomes und Experiences, um High-Value Care für Menschen mit chronischen Erkrankungen herzustellen. 

Sobald Outcome-Daten öffentlicht werden, entstehen Chancen, aber auch neue Herausforderungen: Fehlinterpretationen, Risikoselektion oder vereinfachte Rankings. Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang mit PROM-basiertem Public Reporting gelingen?

Marion Grote Westrick:  Public Reporting kann Transparenz schaffen und die Orientierung für Patient:innen verbessern.  Voraussetzung ist jedoch ein verantwortungsvoller Umgang mit den Daten. Klinische und PRO-Daten sollten möglichst miteinander verknüpft werden, um die Qualität umfassend zu messen. Outcomes sollten stets risikoadjustiert dargestellt werden, damit Unterschiede in der Patientenstruktur berücksichtigt werden und keine Benachteiligung von Einrichtungen entsteht, die komplexe Fälle behandeln.
Ebenso wichtig ist die verständliche Aufbereitung der Ergebnisse. Vereinfachte Ranglisten greifen oft zu kurz und können Fehlinterpretationen fördern. Stattdessen sollten Ergebnisse im Kontext erklärt und durch ergänzende Informationen zur Versorgungssituation eingeordnet werden. Public Reporting sollte zudem primär Lernen und Qualitätsverbesserung unterstützen. Einrichtungen benötigen die Möglichkeit, Daten zunächst intern zu nutzen und Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten. Transparenz entfaltet ihren größten Nutzen, wenn sie Vertrauen schafft und einen konstruktiven Qualitätsdialog zwischen Patient:innen, Leistungserbringern und Politik fördert. Oft werden substanzielle Veränderungen aber erst durch den Druck des Public Reporting angestoßen – insofern ist es ein komplexer, aber wirkungsvoller Hebel für Qualitätsverbesserung.

Wie kann qualitätsorientierte Steuerung gelingen, ohne neue Fehlanreize oder zusätzliche Bürokratie zu schaffen?

Marion Grote Westrick:  Qualitätsorientierte Steuerung gelingt vor allem dann, wenn sie sich auf aussagekräftige und patientenrelevante Indikatoren konzentriert und das gemeinsame Lernen und Verbessern in den Vordergrund stellt. Dafür sollten vorhandene Routinedaten und digitale Erfassungsmöglichkeiten für PROs und PREs konsequent genutzt werden.
Entscheidend ist zudem, Qualität nicht ausschließlich mit Sanktionen oder finanziellen Anreizen zu verknüpfen. Einseitige Steuerungsmechanismen können Fehlanreize erzeugen, etwa Risikoselektion oder eine Konzentration auf leicht messbare Aspekte der Versorgung. Erfolgreicher sind Modelle, die Transparenz, Feedback und gemeinsames Lernen fördern.
Patientenrelevante Outcomes und PROMs bieten hierfür eine wichtige Grundlage, weil sie den tatsächlichen Nutzen der Versorgung sichtbar machen.