Fünf Fragen an Dr. Torsten Kirsch 19.03.2026

Portrait von Gina-Sophie Labahn
Gina-Sophie Labahn (Autor:in)
M.Sc. Public Health and Administration

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
DAS REHAPORTAL

Zuletzt aktualisiert: 18.03.2026 | Lesedauer: ca. 5 Min.
Portrait von Dr. Torsten Kirsch mit dem Schriftzug "Fünf Fragen an ... Dr. Torsten Kirsch"

Dr. Torsten Kirsch , Dipl.-Biologe

Dr. Torsten Kirsch ist Head of Quality and Medical Innovation bei VITREA Deutschland und beschäftigt sich mit der praxisnahen Weiterentwicklung von Versorgungs- und Qualitätsstrukturen. Dabei verbindet er wissenschaftliche Expertise mit Fragestellungen des Qualitätsmanagements. Seit Ende 2021 ist er Mitglied der AG Ergebnismessung. Er studierte Biologie in Göttingen und Berlin und promovierte am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch. Nach einer wissenschaftlichen Tätigkeit an der Medizinischen Hochschule Hannover wechselte er dort in die Betriebsorganisation mit den Schwerpunkten Projekt-, Prozess- und Qualitätsmanagement.

Welche Veränderungen ergeben sich für das Qualitätsmanagement von Rehakliniken, wenn Behandlungsergebnisse systematisch aus Patientensicht erfasst werden?

Dr. Torsten Kirsch:  Der Fokus des Qualitätsmanagements verschiebt sich von rein prozessual erhobenen Kennzahlen hin zur tatsächlich erlebten Versorgungsqualität: Wir erweitern das Qualitätsmanagement also um die Perspektive derjenigen, um die es letztlich geht - unsere Rehabilitandinnen und Rehabilitanden. Damit verfügen wir über ein Steuerungsinstrument, das uns erlaubt, deutlich stärker ergebnisorientiert und patientenzentriert zu denken und zu handeln, Behandlungskonzepte und Therapieangebote besser zu reflektieren und evidenzbasiert weiterzuentwickeln. Das QM wird so zu einem aktiven Lernprozess.  Gleichzeitig entsteht eine neue Transparenz, die intern wie extern Aufschluss über die Wirksamkeit der Rehabilitation ermöglicht.

Wie gelingt es aus Ihrer Sicht, Ergebnisqualität so in den Klinikalltag zu integrieren, dass sie tatsächlich einen Mehrwert für Behandlung und Steuerung bietet?

Dr. Torsten Kirsch: Die Messung der Ergebnisqualität muss fest in den klinischen Ablauf integriert sein und darf nicht als zusätzliche Dokumentationslast angesehen werden. PROMs können das Behandlerteam dabei unterstützen, gemeinsam mit dem Rehabilitanden realistische Therapieziele zu formulieren, den Verlauf der Behandlung transparenter zu machen und die Therapie datengestützt individuell anzupassen. Auf Einrichtungsebene ermöglichen sie Hinweise darauf, bei welchen Patientengruppen bestimmte Interventionen besonders wirksam sind oder wo noch Handlungsbedarf besteht. Entscheidend ist, dass die Daten zeitnah zur Verfügung gestellt und auch aktiv vom Behandlerteam genutzt werden. Nur so bietet die Ergebnisqualität einen echten Mehrwert und wird in der Einrichtung als Steuerinstrument akzeptiert.

Welche Erkenntnisse über Behandlungsergebnisse aus Patientensicht liefern PROMs, die in der bisherigen QM-Praxis von Rehakliniken, etwa über gängige Kennzahlen und Routinedaten, kaum abgebildet werden?

Dr. Torsten Kirsch: PROMs ermöglichen vor allem einen Einblick in die subjektive Wahrnehmung der Behandlungs- und Lebensqualität der Rehabilitand:innen: Wie bewältigen sie ihren Alltag? Wie hat sich ihre Belastbarkeit oder Teilhabe verbessert? Wie bewerten sie ihren individuellen Behandlungserfolg am Ende der Reha? Damit ergänzen PROMs klassische Kennzahlen wie Therapiedichte, Verweildauer oder Wiedereingliederungsrate um die patientenbezogene Sichtweise. Gerade in der Rehabilitation, in der eine langfristige Funktionsverbesserung und eine gesteigerte Teilhabe zentral sind, helfen PROMs, ein umfassenderes Bild des Behandlungsverlaufs und des Behandlungserfolgs zu erhalten.

Welche Veränderungen sind in der Kultur einer Einrichtung notwendig, damit PROMs nicht als „Zusatzaufwand“, sondern als Teil der Versorgungssteuerung akzeptiert werden?

Dr. Torsten Kirsch: PROMs müssen als Bestandteil der therapeutischen Zusammenarbeit verstanden werden. Entscheidend ist, dass Behandlerteam und Rehabilitand:innen gemeinsam Verantwortung für die Therapieziele und den Behandlungserfolg übernehmen. Das setzt voraus, dass Shared Decision Making von beiden Seiten nicht als Ideal, sondern als gelebte Praxis verstanden wird. Patient:innen werden aktiv an der Zielfestlegung beteiligt und sind mitverantwortlich für ihren Therapieprozess und den Therapieerfolg. Dafür müssen wir eine verständliche und alltagsnahe Sprache verwenden, die von allen Rehabilitand:innen, unabhängig von Herkunft und Bildung, verstanden wird. Wenn die Rehabilitand:innen erleben, dass ihre Antworten die Therapieplanung und den Therapieverlauf tatsächlich beeinflussen, und zugleich das Behandlerteam sieht, dass die Ergebnisse der PROMs konkrete Hinweise auf den Therapieverlauf geben, wird auch die Akzeptanz der PROMs steigen.

Wenn Kliniken ihre Ergebnisse systematisch vergleichen, werden Unterschiede zwischen Einrichtungen sichtbar. Wie gehen Sie in der Praxis mit solchen Ergebnissen und den Reaktionen darauf um?

Dr. Torsten Kirsch: Systematische Ergebnisvergleiche machen Unterschiede zwischen Einrichtungen sichtbar und das ist auch gewollt, denn nur so entsteht ein echter Lernimpuls. Bei der VITREA verfolgen wir das Prinzip des „Lernens von den Besten“. Einrichtungen mit überdurchschnittlichen Ergebnissen werden gezielt analysiert, um die Schlüsselfaktoren für die guten Ergebnisse zu identifizieren und auf andere Einrichtungen zu übertragen. Einrichtungen, die hinter den Erwartungen zurückbleiben, werden individuell mit konkreten Hilfestellungen bei ihrer Weiterentwicklung unterstützt, gleichzeitig fördern wir den gegenseitigen Austausch und die Unterstützung zwischen den Einrichtungen. Dieser konstruktive Umgang setzt gegenseitiges Vertrauen voraus und gelingt nur, wenn Vergleiche und Benchmarking als Entwicklungschance und nicht als Bedrohung verstanden werden.