Wissenschaftliche Mitarbeiterin
DAS REHAPORTAL
Dr. Christian Hetzel , Diplom-Sportwissenschaftler und Diplom-Wirtschaftswissenschaftler
Dr. Christian Hetzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule Köln, kurz iqpr. Das iqpr realisiert seit 25 Jahren Forschungsprojekte zur Wirksamkeit und Qualitätssicherung und bietet Dienstleistungen insbesondere im Kontext der medizinischen Rehabilitation an. Dabei ist die Perspektive der Betroffenen zentral.
Im REHAPORTAL begleitet Dr. Hetzel unter anderem die PROMs-Projekte wissenschaftlich und bringt seine Expertise zudem als Mitglied der AG Ergebnismessung ein.
Dr. Christian Hetzel: Für eine erfolgreiche Implementierung patientenberichteter Ergebnismessung müssen Anforderungen auf zwei Ebenen erfüllt sein. Auf der methodischen Ebene ist vor allem Validität zentral, also Fragebögen müssen tatsächlich das messen, was aus Patientenperspektive relevant ist, etwa Lebensqualität. Zudem müssen individuelle Verläufe und vor allem klinisch bedeutsame Veränderungen zuverlässig abgebildet werden. Methodische Qualität allein ist jedoch keine hinreichende Bedingung. Auf der Ebene der Versorgungspraxis müssen die Instrumente ökonomisch sein – kurz, barrierefrei und in den Versorgungsalltag integrierbar. Die Ergebnisse müssen zeitnah, verständlich und handlungsrelevant aufbereitet sein, sodass Therapeu:innen und Ärzt:innen daraus konkrete klinische Schlüsse ziehen können. Beide Ebenen stehen in einem Spannungsverhältnis, das aber produktiv aufgelöst werden kann. Ein valides, aber auch ökonomisches Instrument ist das Ziel.
Dr. Christian Hetzel: Diese Balance gelingt nicht durch Zufall, sondern durch systematische Entscheidungen. Erstens ist grundlegend und auch nicht verhandelbar, dass die ausgewählten Instrumente eine nachgewiesene Validität und Reliabilität besitzen und veränderungssensitiv sind. Zweitens erfordert Vergleichbarkeit eine konsequente Standardisierung, etwa einheitliche Erhebungszeitpunkte, identische Erhebungsmethoden sowie normierte Auswertungsverfahren – idealerweise mit Referenzpopulationen, die eine kontextgerechte Einordnung ermöglichen. Drittens scheitern methodisch hochwertige Instrumente in der Praxis, wenn sie nicht zum Versorgungsalltag passen. Entscheidend sind daher zumutbare Erhebungsumfänge, Barrierefreiheit sowie die Pilotierung unter realen Bedingungen, um Machbarkeit und Akzeptanz zu prüfen und nicht nur vorauszusetzen. Schließlich müssen Ergebnisse so aufbereitet sein, dass sie für Therapeut:innen und Ärzt:innen handlungsrelevant sind. Dafür sind die Rückmeldungen aus der Praxis entscheidend.
Dr. Christian Hetzel: Ein fairer Einrichtungsvergleich setzt zunächst voraus, dass alle Einrichtungen identische Instrumente zu standardisierten Messzeitpunkten einsetzen. Das allein ist jedoch nicht ausreichend. Rehaeinrichtungen unterscheiden sich systematisch in der Zusammensetzung ihrer Patient:innen – etwa nach Alter, Geschlecht, Komorbiditäten, Erwerbsstatus oder Vorbehandlungen. Beobachtete Unterschiede in der Ergebnisqualität könnten allein auf diese Unterschiede zurückzuführen sein und wären dann kein Maßstab für die Einrichtungsqualität. Methodisch notwendig ist daher eine Risikoadjustierung: Die Ergebnisse werden statistisch so angeglichen, als hätten alle Einrichtungen dieselbe Patientenzusammensetzung. Üblicherweise geschieht dies über Regressionsmodelle mit Merkmalen, die nachweislich mit dem Outcome assoziiert und von der Einrichtung nicht beeinflussbar sind – etwa Patientenmerkmale bei Aufnahme, nicht aber Prozessmerkmale der Einrichtung selbst. Solche Merkmale unterscheiden sich je nach Diagnose. Daher sind indikationsspezifische Adjustierungsmodelle erforderlich. Gleichzeitig gibt es Limitationen. So sind niemals alle relevanten Merkmale erfasst. Vergleiche zwischen Einrichtungen sind daher stets mit Konfidenzintervallen zu berichten und Unterschiede sollten als Signal zur weiteren Analyse verstanden werden.
Dr. Christian Hetzel: Digitale Erhebungs- und Auswertungsstrukturen können die Qualität von PROMs-Daten systematisch verbessern. Papierbasierte Erhebungen scheitern in der Praxis häufig an Rücklaufproblemen, unvollständig ausgefüllten Bögen und Übertragungsfehlern. Digitale Systeme adressieren dies beispielsweise über Pflichtfeldlogiken, Plausibilisierungen und direkte Dateneingaben. Niedrigschwellige Zugangswege – etwa über QR-Codes, beliebige Endgeräte oder Klinikterminals – reduzieren zudem Zugangsbarrieren und erhöhen die Teilnahmequote auch bei weniger technikaffinen Patientengruppen. Für die wissenschaftliche Nutzbarkeit ist entscheidend, dass digitale Strukturen eine standardisierte Instrumentierung über Einrichtungen hinweg ermöglichen und damit Vergleichbarkeit sicherstellen. Eindeutige Identifikatoren für Patientinnen, Einrichtung und Erhebungszeitpunkt schaffen die Voraussetzung für Längsschnittanalysen. Auf klinischer Ebene lassen sich Ergebnisse unmittelbar für therapeutische Gespräche und Behandlungsplanung nutzen, auf aggregierter Ebene für einrichtungsbezogene und übergreifende Qualitätsberichte. Das neue webbasierte Befragungs- und Verwaltungstool ECHO ist eine solche digitale Erhebungsstruktur. ECHO ist die empfohlene Methode zur Datenerhebung und -übermittlung der PROMs im Rahmen der Studie zur Ergebnismessung Psychosomatik 2026/27, die DAS REHAPORTAL in Zusammenarbeit mit uns durchgeführt. Die Mehrheit der teilnehmenden Einrichtungen wird ECHO nutzen.
Dr. Christian Hetzel: Aus wissenschaftlicher Sicht ist zentral, Messung, Interpretation und Rückkopplung von PROMs als zusammenhängendes System zu verstehen. Die Patient:innenperspektive ist dabei nicht eine Ergänzung zur Ergebnisqualität, sondern ihr konzeptioneller Kern. Das bedeutet, dass die alleinige Messung von PROMs keine Wirkung entfaltet. Qualitätsverbesserung entsteht erst durch fundiertes, verständlich kontextualisiertes und handlungsrelevantes Feedback – an Patient:innen ebenso wie an Einrichtungen. Dazu gehört auch eine Ehrlichkeit gegenüber den Grenzen der Befunde: Welche Merkmale zur Adjustierung bleiben ungemessen? Wie nachhaltig sind beobachtete Rehabilitationseffekte? Welche Unterschiede zwischen Einrichtungen oder im individuellen Verlauf sind tatsächlich klinisch bedeutsam und nicht bloß statistisch signifikant? Qualitätsmessung in der Rehabilitation ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Mittel hin zu einer besseren, patientenorientierten Versorgung.